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Udos große Tage

17.03.2018

Lindenbergs "Panik City" eröffnet auf dem Kiez, das Bestseller-Drama "Panikherz" feiert Thalia-Premiere

Hamburg. Es gibt eigentlich nur eine sehr lässige Form der Panik. Die Lindenberg-Panik, die Hamburg bekanntermaßen seit Jahren fest im Griff hat. Konzerte (eine Million Besucher bei der letzten Tournee), ein eigenes Musical ("Hinterm Horizont"), eine Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe (die 70.000 Menschen sehen wollten – wohl nicht zuletzt deshalb, weil der Meister selbst gelegentlich auf ein Teechen vorbeiflanierte), Eingang in die Literatur mit Benjamin von Stuckrad-Barres autobiografischem Bestseller "Panikherz". Darin geht es natürlich mehr um Stuckrad-Barre als um Lindenberg, aber doch ist eben der sein roter Faden.

Nur mit einem eigenen Museum wollte es in Hamburg nie recht klappen.

Vielleicht weil das einfach der falsche Angang war: Ein Museum, wäre das denn wirklich Panik-Style? Am Montag eröffnet an der Reeperbahn nun stattdessen die "Panik City" – und die ist, so formuliert es Udo Lindenberg selbst, eine "Art Raketenstation", viel mehr also als bloß ein Ausstellungsort, sie ist eine multimediale "Erlebniswundermaschine", eine "Udo Lindenberg Experience", virtuelle Realität und Augmented Reality. Auf 700 Quadratmetern im Klubhaus St. Pauli versprechen die Veranstalter sechs Stationen, die der Besucher in 90 Minuten durchwandert, dabei soll er raumhohe Panoramawände und LED-Screens passieren und der "Rock-'n'-Roll-Nachtigall" leibhaftig begegnen. Also, fast leibhaftig jedenfalls, statt Sonnenbrille trägt der Zuschauer im Udoversum nämlich VR-Brille.

Mehr Kathedrale geht kaum. Denkt man. Denn wie es der Zufall so will (und tatsächlich ist die terminliche Nähe genau das: ein Zufall), erfasst zwei Tage zuvor, an diesem Sonnabend, die Panikwelle auch das Thalia Theater. "Panikherz" wird, nach der Uraufführung des Stoffes am Berliner Ensemble, von dessem neuen Intendanten Oliver Reese, nun auch in Hamburg auf die große Bühne gebracht. Regie und Bearbeitung: Christopher Rüping. Auf der Bühne steht der 86 Jahre alte Schauspieler Peter Maertens, sein Sohn Michael Maertens kommt tatsächlich im Stuckrad-Barre-Memoir vor. "Ein verkapptes Udo-Lindenberg-Musical wird das nicht", stellt allerdings Thalia-Intendant Joachim Lux klar. "Eher eine Roadshow durchs zeitgenössische Bewusstsein." Man wolle am Thalia "nicht kurzschlüssig auf den Ruhm des Hamburg-Idols" setzen. Welche Rolle Udo Lindenberg am Ende womöglich doch spielen wird, verrät der Intendant noch nicht: "Abwarten!" Stuckrad-Barre sei bei den Proben jedenfalls "sehr begeistert" gewesen. "Ja, er hat sich sogar kurz hinreißen lassen, mitzuspielen."

Regisseur Rüping verweist auf den spezifisch Stuckrad-Barre'schen Zugriff auf Lindenbergs Panik-Programm: Es sei die "Verzweiflung" des Buches, die ihn "so gepackt" habe: "Die Verzweiflung, mit der da jemand versucht, sein reales Ich und sein Image, seinen Selbstentwurf also, unter einen Hut zu bringen. Und daran scheitert. Und es wieder versucht. Und wieder scheitert. Und nicht aufhören kann … ,Panikherz' ist für mich eine radikale Gegenwartsbeschreibung, ein Stück Zeitgeschichte." In seiner Erzählung vom zerfallenden Ich trifft Stuckrad-Barre, als er Udo Lindenberg kennenlernt, auf seinen Retter, weil der vielleicht erst dann richtig zur Legende wurde, als er wieder in die Spur und zum großen Comeback fand. Aber wie bringt man die Udo-Seligsprechung denn in ein Theaterstück?

"Ja", sagt Rüping, "das ist eine gute Frage" – allein zu deren Beantwortung lohnt sich der Weg ins Theater. Bei der Bühnenadaption geholfen habe durchaus, dass sich alle Beteiligten "ziemlich frei" gemacht haben von jeder Verpflichtung der realen Person Stuckrad-Barre gegenüber. Die Verpflichtung gelte nur dem Text, "und der braucht bei all seiner Größe Bearbeitung und Zugriff, um auf der Bühne zu funktionieren". Man darf in der Tat gespannt sein, wie frei die Inszenierung auch mit der Figur Lindenberg umgeht.

Corny Littmann hat "Panikherz" noch nicht gelesen: "Ich bin noch nicht dazu gekommen", gesteht er. "Es ist mir aber schon vielfach empfohlen worden." Zum Lesen kommen wird er vorerst jedoch eher nicht, denn Littmann, Theaterchef von Schmidt und Schmidts Tivoli, ist einer der Macher der "Panik City" auf dem Kiez. Neben Lindenberg selbst, dem Gastronom Axel Strehlitz (Klubhaus St. Pauli), Volker Filipp und dem Geschäftsführer des Unternehmens pilot Screentime, Damian Rodgett, das die digitalen Udo-Touren konzipiert, entwickelt und umgesetzt hat, gehört er zum Gesellschafterkreis.

"Udo hat das Ganze inhaltlich wesentlich mitgestaltet", erzählt Littmann, der sich selbst "eher Udo-Freund als Udo-Fan" nennt. Auf dem Projekt "Panik City" sei nun "gewissermaßen Udos Stempel drauf". Viele Aufnahmen mit ihm seien dort das erste Mal zu sehen, "eine Dokumentation seines Schaffens darf man sich aber nicht vorstellen, es gibt auch keine Ausstellungsstücke im eigentlichen Sinn". Stattdessen können die Besucher etwa gemeinsam mit (einem) Lindenberg im Tonstudio "Ich mach mein Ding" aufnehmen, später online abrufen und über die sozialen Netzwerke teilen. "Es gibt bei uns kein Rumstehen", wird Lindenberg zum Auftakt zitiert. "Wir lassen die Fans abheben und durch das Udoversum ­schweben."

Auch Thalia-Chef Joachim Lux plant den Besuch in Udos Udoversum auf dem Kiez übrigens fest ein: "Klar! Da gehe ich natürlich hin. Udos Hut ist doch neben der Elphi das zweite musikalische Wahrzeichen Hamburgs!"

Text: Maike Schiller
Fotos: Tine Acke

Quelle: Hamburger Abendblatt, 17.03.2018